Ratgeber · Grundlagen & Praxis
WPM und der PARIS-Standard: Was Words Per Minute im Morsecode wirklich bedeutet
Wer einen CW-Funker fragt, wie schnell er hört, bekommt eine Zahl in WPM zurück. 12, 18, 25 oder 40 sind übliche Werte. Hinter dieser Zahl steckt eine präzise Definition: Das Referenzwort PARIS hat exakt 50 Dit-Einheiten Dauer (inklusive aller Pausen), und WPM gibt an, wie oft dieses Wort pro Minute durchläuft. Die Dit-Dauer berechnet sich mit 1.200 geteilt durch WPM in Millisekunden. Bei 20 WPM sind das 60 ms, bei 40 WPM nur noch 30 ms.
Wer Morsecode in einer konkreten Geschwindigkeit senden oder hören will, kommt um WPM nicht herum. Hinter dieser scheinbar simplen Abkürzung steckt eine präzise mathematische Definition, die aus den frühen 20er-Jahren stammt und seit der ITU-Empfehlung M.1677-1 international verbindlich ist. Dieser Ratgeber zeigt, wie WPM berechnet wird, warum gerade das Wort PARIS die Referenz ist, und welche Geschwindigkeiten in welchen Anwendungs-Kontexten üblich sind.
Das Verhältnis Dit zu Dah und die Pausen
Der Morsecode ist nicht nur durch die Reihenfolge von Dits und Dahs definiert, sondern auch durch deren Timing. Die ITU-Empfehlung M.1677-1 legt das Verhältnis fest:
| Element | Dauer in Dit-Einheiten |
|---|---|
| Dit (Punkt) | 1 |
| Dah (Strich) | 3 |
| Pause zwischen Dits/Dahs eines Buchstabens | 1 |
| Pause zwischen Buchstaben | 3 |
| Pause zwischen Wörtern | 7 |
Wenn die Dit-Dauer 60 Millisekunden ist (typisch bei 20 WPM), dann dauert ein Dah 180 ms, die Pause zwischen Buchstaben 180 ms und die Pause zwischen Wörtern 420 ms. Diese Verhältnisse sind universal und gelten unabhängig von der absoluten Geschwindigkeit.
Wer ein Dah doppelt so lang wie ein Dit macht (statt dreifach), erzeugt einen schwer zu dekodierenden Code, weil das Klangbild der Buchstaben verzerrt wird. Wer die Pausen zu kurz macht, erzeugt Buchstaben-Verwechslungen, weil B (-…) und 6 (-…) nicht mehr klar zu unterscheiden sind. Das Timing ist der eigentliche Kern der Morse-Kompetenz.
Die PARIS-Referenz im Detail
Das Wort PARIS besteht aus den Buchstaben P, A, R, I und S. Jeder Buchstabe hat eine definierte Länge:
- P = .—. (1+1+3+1+3+1+1 = 10 Einheiten inklusive interner Pausen)
- A = .- (1+1+3 = 5 Einheiten)
- R = .-. (1+1+3+1+1 = 7 Einheiten)
- I = .. (1+1+1 = 3 Einheiten)
- S = … (1+1+1+1+1 = 5 Einheiten)
Die Summe der Buchstaben-Einheiten ist 10 + 5 + 7 + 3 + 5 = 30 Einheiten. Dazu kommen vier Pausen zwischen den Buchstaben mit je 3 Einheiten = 12 Einheiten. Und eine Wort-Pause am Ende mit 7 Einheiten, damit das nächste Wort beginnen kann.
Hinweis: Die Zählung der Buchstaben umfasst die internen Element-Pausen, weil sonst die Klang-Einheit eines Buchstabens nicht definiert wäre. Wer zum Beispiel P aufschlüsselt, sieht: Dit, Pause, Dah, Pause, Dah, Pause, Dit. Das sind 1+1+3+1+3+1+1 = 11 Einheiten in einigen Quellen. Die ITU-Konvention zählt aber die abschließende Element-Pause nicht zum Buchstaben (sie ist Teil der nachfolgenden Buchstaben-Pause), womit P auf 10 Einheiten kommt.
Gesamt: 30 + 12 + 7 = 49 Einheiten. Manche Quellen kommen auf 50 Einheiten, je nach Zählweise der finalen Pause. Die ITU nennt offiziell 50 als Standard-Wert für PARIS inklusive der Wort-Pause zur nächsten Wiederholung.
Die zentrale Formel zur Dit-Dauer
Wenn n WPM laufen, dann werden n PARIS-Wiederholungen pro Minute gesendet. Ein PARIS hat 50 Einheiten Dauer, also brauchen 50n Einheiten genau eine Minute.
Daraus folgt: Eine Einheit dauert 60 / (50n) Sekunden, das sind 60.000 / (50n) = 1.200 / n Millisekunden.
Die zentrale Formel ist also:
Dit-Dauer (ms) = 1.200 / WPM
Beispiel: Bei 20 WPM ist die Dit-Dauer 60 ms. Bei 30 WPM 40 ms. Bei 12 WPM 100 ms. Bei 5 WPM 240 ms.
Die Tabelle zeigt die wichtigsten WPM-Werte mit Dit-Dauer, Dah-Dauer, Buchstaben-Pause und Wort-Pause.
| WPM | Dit (ms) | Dah (ms) | Buchstaben-Pause (ms) | Wort-Pause (ms) |
|---|---|---|---|---|
| 5 | 240 | 720 | 720 | 1.680 |
| 10 | 120 | 360 | 360 | 840 |
| 12 | 100 | 300 | 300 | 700 |
| 15 | 80 | 240 | 240 | 560 |
| 18 | 67 | 200 | 200 | 467 |
| 20 | 60 | 180 | 180 | 420 |
| 25 | 48 | 144 | 144 | 336 |
| 30 | 40 | 120 | 120 | 280 |
| 40 | 30 | 90 | 90 | 210 |
| 60 | 20 | 60 | 60 | 140 |
Eine vollständige Rechenkette
Annahme: Wir wollen wissen, wie lange ein durchschnittliches englisches Wort (5 Buchstaben Standardlänge) bei 25 WPM dauert.
Schritt 1: Dit-Dauer bei 25 WPM = 1.200 / 25 = 48 ms
Schritt 2: PARIS-Dauer bei 25 WPM = 50 × 48 = 2.400 ms = 2,4 Sekunden
Schritt 3: Pro Minute laufen 60 / 2,4 = 25 PARIS durch. Das bestätigt die WPM-Definition.
Schritt 4: Ein Standard-Wort entspricht etwa einem PARIS, also dauert ein Wort bei 25 WPM rund 2,4 Sekunden.
Probe: Bei 25 WPM laufen 25 Wörter pro Minute. 60 Sekunden geteilt durch 25 Wörter ergibt 2,4 Sekunden pro Wort. Stimmt.
Schritt 5: Wer einen Satz mit 20 Wörtern in 25 WPM senden will, braucht 20 × 2,4 = 48 Sekunden.
Diese Rechenkette ist die Grundlage für jede Zeit-Planung im CW-Funk. Ein Contest-Funker mit 30 WPM kann theoretisch 30 Wörter pro Minute austauschen, in der Praxis sind es wegen Rufzeichen-Wiederholungen, Rapport-Übergaben und Frequenzwechseln eher 8 bis 12 QSO pro Minute.
Eine grafische Geschwindigkeits-Übersicht
CPM und andere alternative Geschwindigkeits-Angaben
Neben WPM gibt es zwei weitere Geschwindigkeits-Angaben, die in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden.
CPM (Characters Per Minute) ist die deutsche und osteuropäische Variante. Sie zählt einzelne Buchstaben statt Wörter, was bei Texten mit ungleich langen Wörtern präziser ist. Bei 5 Buchstaben pro Standard-Wort gilt näherungsweise WPM = CPM / 5. Bei 20 WPM sind das 100 CPM, bei 12 WPM 60 CPM.
LPM (Letters Per Minute) ist eine ähnliche Variante, die in einigen alten militärischen Dokumenten auftaucht. Sie ist heute praktisch verschwunden und wird in der CW-Welt durch WPM oder CPM verdrängt.
Bei der HST-Sport-Disziplin (High Speed Telegraphy) wird die Geschwindigkeit oft direkt in Zeichen pro Minute angegeben, weil die Werte so hoch sind, dass eine Umrechnung in WPM ungewöhnlich wirkt. 280 Zeichen pro Minute entsprechen etwa 56 WPM.
Wer also eine Geschwindigkeits-Angabe sieht, muss prüfen, in welcher Einheit sie ist. Die offizielle ITU-Konvention ist WPM nach PARIS-Standard, alle anderen Angaben sind regionale oder fachliche Besonderheiten.
Die Geschwindigkeit am eigenen Gerät einstellen
Hinweis: Wer mit einer Iambic-Paddle und einem elektronischen Keyer arbeitet, stellt die Sende-Geschwindigkeit direkt in WPM ein. Wer mit einer Handtaste arbeitet, kontrolliert die Geschwindigkeit über das Timing der eigenen Hand und sollte mit einer Aufnahme-Software die tatsächliche WPM-Geschwindigkeit prüfen.
Moderne CW-Keyer haben eine Geschwindigkeits-Einstellung in WPM, die über ein Potentiometer oder einen Knopf justierbar ist. Beim Senden hört der Funker das eigene Klangbild im Side-Tone und kann die Geschwindigkeit an die Gegenstation anpassen.
Ein guter CW-Funker passt die Sende-Geschwindigkeit immer an das Hör-Niveau der Gegenstation an, auch wenn er selbst schneller könnte. Wer mit einem 12-WPM-Anfänger funkt, sendet selbst mit 12 WPM, nicht mit 25 WPM. Diese Höflichkeit ist eine ungeschriebene Regel im CW-Funk und sorgt für gegenseitige Verständlichkeit.
Wer die eigene Hör-Geschwindigkeit testen will, nutzt die ARRL Code Practice Files mit Texten in 5 bis 40 WPM oder die G4FON-Software mit einstellbarer Geschwindigkeit. Das Niveau ist erreicht, wenn 95 Prozent der Buchstaben fehlerfrei mitgeschrieben werden.
Quellen für die Vertiefung
- ITU-R M.1677-1 mit der offiziellen Definition von PARIS und den Timing-Verhältnissen
- Wikipedia Morsezeichen mit kompakter WPM-Erklärung
- ARRL Code Practice Files mit Test-Texten in 5 bis 40 WPM
- DARC für die deutsche CW-Szene und Geschwindigkeits-Klassen in Contests
Praktisch gedacht
WPM ist nicht nur eine Zahl auf dem Display, sondern die Brücke zwischen einer abstrakten Geschwindigkeits-Angabe und dem konkreten Timing der Sendung. Die Formel Dit-Dauer = 1.200 / WPM ist die wichtigste Rechnung im CW-Funk und sollte bei jedem Funker im Kopf sitzen. Die PARIS-Referenz mit 50 Dit-Einheiten ist seit der ITU-Empfehlung M.1677-1 weltweit verbindlich und macht alle Geschwindigkeits-Angaben vergleichbar. Drei praktische Folgen sind wichtig. Erstens: Die Geschwindigkeit der Gegenstation anpassen, nicht die eigene durchziehen. CW-Höflichkeit verlangt, dass schnelle Funker für langsame Funker bremsen. Zweitens: Im Training nicht von WPM auf CPM oder umgekehrt springen, sondern eine Einheit konsequent durchhalten. Die Verwirrung der Maßeinheiten verlangsamt den Lernfortschritt. Drittens: Farnsworth-Geschwindigkeiten sind eine Lehrhilfe, kein Endziel. Sobald die Buchstaben-Klangbilder in Zielgeschwindigkeit sitzen, wird die effektive Geschwindigkeit langsam an die Buchstaben-Geschwindigkeit angeglichen. Der Morsecode-Übersetzer auf dieser Seite zeigt die WPM-abhängige Dit-Dauer transparent, sodass Anfänger das Timing direkt nachvollziehen können.
FAQ
Häufige Fragen
Warum gerade das Wort PARIS als Referenz?
PARIS hat zwei praktische Vorteile als Referenzwort. Erstens ist es ein international bekanntes Stadt-Wort, das in jeder Sprache als Eigenname existiert und keine Sonderzeichen verwendet. Zweitens hat es genau 50 Dit-Einheiten Dauer, wenn alle Buchstaben und Pausen korrekt nach ITU-Standard durchgezählt werden. Das macht die Berechnung einfach: Bei n WPM laufen n PARIS pro Minute durch. Die Konvention stammt aus den frühen 20er-Jahren und wurde von der ITU als Referenz übernommen. Eine Alternative ist CODEX mit ebenfalls 50 Einheiten, das in den USA gebräuchlich war. Beide Wörter sind gleichwertig, aber PARIS ist der weltweit häufiger genutzte Standard.
Wie berechne ich die Dit-Dauer aus WPM?
Die Formel lautet: Dit-Dauer in Millisekunden gleich 1.200 geteilt durch WPM. Bei 20 WPM ist die Dit-Dauer 60 ms, bei 25 WPM sind es 48 ms, bei 30 WPM 40 ms, bei 12 WPM 100 ms und bei 5 WPM volle 240 ms. Die Herleitung: PARIS hat 50 Dit-Einheiten Dauer. Bei n WPM laufen n Wiederholungen pro Minute (60 Sekunden) durch, also dauert ein PARIS-Wort 60 / n Sekunden, das sind 60.000 / n Millisekunden. Eine Dit-Einheit ist 1 / 50 dieses Wertes, also 60.000 / (50 mal n), das ergibt 1.200 / n Millisekunden. Diese Formel ist die Brücke zwischen WPM-Angabe und konkreter Sende-Geschwindigkeit auf der Taste.
Was sind realistische WPM-Werte für unterschiedliche Anwendungen?
Im Anfänger-Training werden 5 bis 12 WPM gehört. 12 WPM ist die typische Hörgeschwindigkeit nach 60 bis 100 Stunden Koch-Training. Im Amateurfunk laufen entspannte QSO meist bei 15 bis 25 WPM. CW-Contests werden bei 25 bis 35 WPM gefahren, weil unter Zeitdruck Rufzeichen und Rapport schnell ausgetauscht werden. Profi-Telegrafisten in der Berufsschifffahrt (bis 1999) und in der Bundeswehr arbeiteten bei 30 bis 40 WPM. Hochgeschwindigkeits-Telegrafie (HST) als Sport-Disziplin reicht bis 60 WPM im Hören und über 200 WPM im Empfangen mit Aufnahmegerät. Die offizielle ITU-HST-Weltmeisterschaft kennt Disziplinen bis 280 Buchstaben pro Minute (etwa 56 WPM).
Wie unterscheidet sich CPM von WPM?
CPM steht für Characters Per Minute und ist eine alternative Geschwindigkeits-Angabe, die in der deutschen und osteuropäischen Tradition häufiger genutzt wird. Ein Wort wird in CPM mit 5 Buchstaben angenommen (Standardlänge eines Codeworts), also entspricht 1 WPM etwa 5 CPM. Bei 20 WPM sind das 100 CPM, bei 12 WPM sind es 60 CPM. Die Umrechnung ist näherungsweise WPM gleich CPM geteilt durch 5. Allerdings stimmt das nur für künstliche 5-Buchstaben-Codewörter. Bei normalem Klartext mit unterschiedlich langen Wörtern weicht die Umrechnung leicht ab. Im Amateurfunk hat sich WPM mit PARIS-Referenz weltweit durchgesetzt, weshalb CPM heute eher in formellen Prüfungs-Kontexten auftaucht.
Welche Rolle spielt die Farnsworth-Geschwindigkeit?
Bei der Farnsworth-Methode werden zwei verschiedene Geschwindigkeiten kombiniert: die Buchstaben-Geschwindigkeit (zum Beispiel 18 WPM) und die effektive Wort-Geschwindigkeit (zum Beispiel 6 WPM). Die Buchstaben werden in der höheren Geschwindigkeit gesendet, aber die Pausen zwischen Buchstaben und Wörtern werden gedehnt, sodass die effektive Gesamt-Geschwindigkeit niedriger bleibt. Das Klangbild des einzelnen Buchstabens entspricht damit bereits dem Zielniveau, was den späteren Übergang in normales Tempo erleichtert. Eine 18-WPM-6-WPM-Einstellung sagt also: Buchstaben klingen wie 18 WPM, aber pro Minute laufen nur 6 PARIS durch. Mit fortschreitender Übung wird die effektive Geschwindigkeit langsam erhöht, ohne dass die Buchstaben-Geschwindigkeit verändert werden muss.
Quellen
Worauf dieser Ratgeber sich stützt
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